Dirk Kreuter Logo
← Alle BeiträgeUnternehmertum

OKR: Objectives and Key Results richtig aufsetzen

Dirk Kreuter
Dirk Kreuter vor einer Videokonferenz-Wand mit Teilnehmern, während er OKR für das Quartal bespricht

Was OKR ist — und was es nicht ist

OKR steht für Objectives and Key Results. Es ist ein Zielsystem, das aus der Strategie eines Unternehmens quartalsweise Teilziele ableitet: Ein Objective beschreibt qualitativ, was sich verändern soll. Zwei bis vier Key Results machen messbar, woran du am Quartalsende erkennst, dass es passiert ist. Nicht mehr, nicht weniger.

Das Gabler Wirtschaftslexikon beschreibt OKR als Rahmenwerk für agiles Management, das aus der Unternehmensstrategie Teilziele von Teams und Mitarbeitern ableitet — mit qualitativen Objectives und rund drei messbaren Key Results je Objective, die vierteljährlich neu formuliert werden.

Jetzt der Teil, den die Lehrbücher weglassen.

In neun von zehn Betrieben, die mir ihr OKR-Board zeigen, stehen keine Key Results drin. Da stehen Aufgaben. „CRM einführen." „Drei Schulungen durchführen." „Prozesse dokumentieren." Das kann man alles abhaken — und am 31. März ist der Umsatz derselbe wie am 1. Januar. Genau da entscheidet sich, ob die Methode bei dir Wirkung erzeugt oder nur ein weiteres Meeting produziert.

OKR, KPI und Zielvereinbarung — drei verschiedene Werkzeuge

Die Begriffe werden im Mittelstand durcheinandergeworfen. Sie sind aber nicht austauschbar.

  • KPI ist eine dauerhafte Messgröße des laufenden Betriebs. Abschlussquote, Deckungsbeitrag, Auslastung, Kundenrückläufe. Ein KPI läuft weiter, ob du hinschaust oder nicht. Er sagt dir, wie es dem Geschäft geht. Welche Zahlen das im Vertrieb konkret sind, steht in den Vertriebskennzahlen.
  • OKR ist ein befristeter Fokus auf Veränderung. Ein Quartal lang. Danach ist es weg oder es wird ersetzt. Es fragt nicht „wie läuft es", sondern „was soll in den nächsten zwölf Wochen anders sein".
  • Die klassische Zielvereinbarung ist ein individueller Jahresvertrag zwischen Führungskraft und Mitarbeiter. Sie stammt aus dem Konzept Management by Objectives, das ausdrücklich die Kopplung von Belohnungen an den Grad der Zielerreichung vorsieht.

Merk dir die Trennung so: Der KPI ist das Thermometer. Das OKR ist die Behandlung. Die Zielvereinbarung ist der Vertrag über das Honorar. Drei Dinge, drei Dokumente.

Und dann gibt es noch die Ebene darüber — die Frage, in welchem Markt du mit welchem Angebot gewinnen willst. Das ist keine Frage des Quartals, sondern eine der Unternehmensstrategie. OKR ist das Getriebe, nicht das Ziel der Reise.

Der Aufbau eines OKR-Sets

Ein sauberes Set hat drei Bestandteile, und nur zwei davon gehören aufs Board.

Das Objective. Qualitativ, kurz, ohne Zahl, in der Sprache deiner Leute. Es soll jemand um 17 Uhr am Freitag verstehen. „Unsere Neukundengewinnung hängt nicht mehr an einzelnen Köpfen." Das ist ein Objective. „Umsatzsteigerung um 15 %" ist keines — das ist ein Key Result im falschen Feld.

Die Key Results. Zwei bis vier pro Objective. Jedes mit Ausgangswert, Zielwert und einer Quelle, aus der man den Wert ablesen kann. Ein Key Result beschreibt ein Ergebnis, das eintritt — nicht eine Arbeit, die geleistet wird.

Die Initiativen. Die konkreten Maßnahmen. Die gehören in die Wochenplanung, nicht aufs Board. Sonst verwechselst du Fleiß mit Wirkung.

Pro Unternehmen im ersten Jahr: maximal zwei Objectives. Nicht fünf. Fokus heißt, dass Dinge wegfallen.

Beispiel 1: Vertriebsorganisation eines B2B-Dienstleisters

Ausgangslage: 34 Mitarbeiter, vier Verkäufer im Außendienst, durchschnittlicher Auftragswert 18.000 Euro. Neukunden kommen über Empfehlung und über zwei Verkäufer, die gut sind. Die anderen zwei liefern kaum.

Objective: Unsere Neukundengewinnung ist ein wiederholbarer Prozess, kein Personenglück.

So sah das erste Key-Result-Set aus, das mir vorgelegt wurde:

  • 500 Kaltakquise-Anrufe pro Monat
  • CRM sauber gepflegt
  • drei Vertriebsschulungen durchgeführt

Alle drei sind Aktivitäten. Du kannst sie zu 100 % erfüllen und hast am Quartalsende exakt null zusätzliche Kunden. Der Anruf ist Aufwand. Der Termin ist Ergebnis.

Kostenloser Live-Workshop

UMSATZREKORD STATT SOMMERLOCH

Melde dich jetzt an und erfahre, wie du planbar neue Kunden gewinnst.

Lieber direkt zur Workshop-Seite? Hier entlang

So sah das Set nach der Korrektur aus:

  • Qualifizierte Erstgespräche pro Monat: von 22 auf 40
  • Terminquote aus Erstkontakt: von 8 % auf 14 %
  • Abschlussquote auf abgegebene Angebote: von 24 % auf 32 %

Jetzt rechne mit. Vorher: 22 Erstgespräche mal 24 % ergibt 5,3 Aufträge im Monat, bei 18.000 Euro Auftragswert also rund 95.000 Euro. Nachher: 40 Erstgespräche mal 32 % ergibt 12,8 Aufträge, rund 230.000 Euro. Dieselbe Mannschaft, dieselben Produkte, dasselbe Quartal.

Wichtig ist der zweite Blick: Die drei Key Results hängen zusammen. Die Terminquote erklärt, wie die 40 Gespräche überhaupt zustande kommen sollen — nämlich nicht durch mehr Anrufe, sondern durch bessere. Und die 500 Anrufe? Die stehen weiterhin auf der Liste. Nur eben als Initiative, nicht als Ziel.

Dirk Kreuter zeigt ins Publikum: Ausrichtung ist Führungsarbeit, nicht Tabellenarbeit.
Dirk Kreuter zeigt ins Publikum: Ausrichtung ist Führungsarbeit, nicht Tabellenarbeit.

Beispiel 2: Unternehmensführung in einem Handwerksbetrieb

Ausgangslage: Elektro-Installationsbetrieb, 45 Mitarbeiter, Inhaber gibt jedes Angebot über 5.000 Euro persönlich frei. Der Betrieb läuft. Der Inhaber nicht — er arbeitet 62 Stunden die Woche und war seit vier Jahren nicht zwei Wochen am Stück weg.

Objective: Der Betrieb entscheidet ohne mich, ohne dass die Marge leidet.

Der erste Entwurf, wieder ein Klassiker:

  • Organigramm erstellen
  • Prozesse dokumentieren
  • wöchentliche Führungsrunde einführen

Drei Aufgaben, drei Haken, null Veränderung. Ein Organigramm an der Wand ändert nichts daran, wer am Dienstag um 16 Uhr angerufen wird.

Das korrigierte Set:

  • Anteil der Angebote, die ohne meine Freigabe rausgehen: von 0 % auf 80 %
  • Rückfragen an mich pro Woche: von 34 auf unter 10
  • Nachkalkulierte Marge auf freigegebene Aufträge: bleibt bei mindestens 22 %

Auch hier die Rechnung. 34 Rückfragen mal rund zwölf Minuten sind knapp sieben Stunden pro Woche, die der Inhaber im Klein-Klein verbringt. Auf zehn Rückfragen reduziert sind es zwei Stunden. Rund 20 Stunden im Monat zurück — über ein Quartal gerechnet gut anderthalb Arbeitswochen, die vorher in Rückfragen verschwunden sind. Wie du diesen Schritt sauber aufsetzt, steht im Beitrag über das Delegieren.

Das dritte Key Result ist das wichtigste, und es fehlt in fast jedem Set, das ich sehe: die Schutzzahl. Ohne sie erreichst du 80 % Freigabefreiheit, indem dein Team Aufträge zu jedem Preis annimmt. Jedes Set, das eine Zahl nach oben treibt, braucht eine zweite, die den Preis dafür begrenzt.

Der Test: Ergebnis oder Aktivität?

Drei Fragen. Wenn eine davon danebengeht, ist es kein Key Result.

  1. Kann jemand das vollständig erledigen, ohne dass sich im Geschäft etwas ändert? Wenn ja, ist es eine Initiative.
  2. Stehen ein Ausgangswert und ein Zielwert drin? „Verbessern", „steigern", „professionalisieren" sind keine Werte.
  3. Ist der Wert am Quartalsende ohne Diskussion ablesbar? Wenn zwei Leute streiten können, ob es erreicht wurde, ist die Formulierung schuld.

Ein Sonderfall, der oft für Verwirrung sorgt: Ein Key Result darf ein Meilenstein sein, wenn er ein Ergebnis markiert. „Erste zehn zahlende Kunden im neuen Servicevertrag" ist ein Ergebnis. „Servicevertrag konzipiert" ist keins.

Der Rhythmus: was die Methode wirklich kostet

OKR scheitert selten am Formulieren. Es scheitert an der Cadence — dem festen Takt, in dem die Ziele auf den Tisch kommen.

  • Planung: zwei Wochen vor Quartalsbeginn. Ein halber Tag Geschäftsführung, danach ein halber Tag je Team.
  • Weekly: 20 bis 30 Minuten, immer derselbe Wochentag. Kein Status-Referat, sondern drei Fragen je Key Result: Wo stehen wir, was blockiert, wer räumt es weg bis wann.
  • Mid-Quarter-Review: in Woche sechs oder sieben. Ehrlicher Zwischenstand. Hier darf ein Key Result gestrichen werden, wenn sich die Lage geändert hat — aber nur mit Begründung, nicht weil es unbequem wird.
  • Retro und Bewertung: letzte Quartalswoche. Bewertet wird von 0,0 bis 1,0. Ein Wert um 0,7 gilt als gut erreicht. Wer regelmäßig 1,0 abliefert, hat zu klein geplant.

Das sind über ein Quartal gerechnet etwa acht bis zehn Stunden pro Team. Wer diese Zeit nicht einplant, braucht gar nicht erst anzufangen. Für die Einzelgespräche gilt eine klare Trennung: Das Mitarbeitergespräch ist der Ort für Entwicklung und Leistung. Das Weekly ist der Ort für Zahlen. Vermischt du beides, wird aus dem Weekly eine Rechtfertigungsrunde.

Warum OKR niemals an die Vergütung gekoppelt wird

Das ist die Regel, die am häufigsten gebrochen wird — meistens vom Unternehmer selbst, weil es logisch wirkt: Ziel erreicht, Bonus fällig.

Der Unterschied zur klassischen Zielvereinbarung ist genau hier. Management by Objectives koppelt die Belohnung ausdrücklich an den Grad der Zielerreichung. OKR tut das bewusst nicht — und das ist kein Detail, sondern die Statik des Systems.

Der Grund ist banal: Sobald Geld am Zielwert hängt, verhandelt jeder den Zielwert. Nicht das Ergebnis wird optimiert, sondern die Ausgangslage. Aus „von 22 auf 40 Erstgespräche" wird „von 22 auf 26, sicherheitshalber". Ambitionierte Ziele und Bonuszahlungen schließen sich gegenseitig aus. Du bekommst entweder ehrliche Zahlen oder erreichbare Zahlen.

Die Lösung ist Trennung, nicht Verzicht: Provision und Bonus laufen über harte KPIs — Umsatz, Deckungsbeitrag, Neukundenzahl. Der Quartalsfokus bleibt bonusfrei. Wie du die Steuerungsgrößen davon sauber trennst, zeigt der Beitrag zur Vertriebssteuerung.

Gespräch zu zweit statt Statusrunde — das Check-in entscheidet, ob OKR im Alltag ankommt.
Gespräch zu zweit statt Statusrunde — das Check-in entscheidet, ob OKR im Alltag ankommt.

Wann OKR nicht passt

Ich verkaufe dir keine Methode, die zu deinem Betrieb nicht passt. Es gibt vier Fälle, in denen ich von OKR abrate.

Betriebe unter etwa 15 Mitarbeitern. Nach dem Unternehmensregister des Statistischen Bundesamts entfallen von rund 3,54 Millionen rechtlichen Einheiten in Deutschland etwa 3,01 Millionen auf die kleinste Beschäftigtengrößenklasse (Berichtsjahr 2024). In dieser Größe bist du selbst die Cadence. Du sitzt mit allen an einem Tisch. Ein Zielboard ersetzt dort kein Gespräch, es erzeugt Verwaltung.

Reine Auftragsfertigung und Auslastungsbetriebe. Wenn dein Quartal davon bestimmt wird, was Kunden bestellen, und deine Steuerungsfrage „Auslastung und Termintreue" heißt, brauchst du ein Kennzahlensystem, keinen Veränderungsfokus. Dafür ist die Balanced Scorecard das passendere Werkzeug — sie steuert dauerhaft über vier Perspektiven, während OKR quartalsweise Veränderung erzwingt. Beides parallel geht, aber nur mit klarer Rollenteilung.

Betriebe ohne belastbare Zahlen. Wenn du deine Abschlussquote nicht kennst, kannst du kein Key Result mit Ausgangswert formulieren. Erst messen, dann steuern. Sonst schreibst du Wunschzahlen auf ein Board.

Der Krisenmodus. Wenn die Liquidität in sechs Wochen kippt, ist ein Quartalsziel das falsche Format. Dann gilt Wochensteuerung, und zwar von dir persönlich.

Und der ehrlichste Punkt zum Schluss: Die Methode funktioniert nur, wenn oben jemand steht, der die eigenen Key Results genauso öffentlich bewertet wie die des Vertriebsteams. Fehlt diese Bereitschaft, stirbt das System im zweiten Quartal.

OKR im Mittelstand einführen: die ersten zwei Quartale

Quartal eins: nur ein Unternehmens-OKR. Ein Objective, drei Key Results, keine Kaskadierung in Teams. Ziel ist nicht das Ergebnis, sondern der Rhythmus. Wenn nach zwölf Wochen jedes Weekly stattgefunden hat, war das Quartal ein Erfolg.

Quartal zwei: zwei bis drei Teams bekommen eigene Sets, abgeleitet vom Set der Geschäftsführung. Jetzt zeigt sich, ob die Ziele im Alltag ankommen — und ob die persönliche Zielarbeit deiner Führungskräfte trägt. Wie du sie als Einzelperson aufsetzt, steht im Beitrag Ziele erreichen.

Woher die Objectives kommen, ist keine Frage der Methode. Sie kommen aus dem Strategieprozess — Analyse, Optionen, Entscheidung. Den Ablauf dafür beschreibt der Beitrag zur Strategieentwicklung. OKR übersetzt das Ergebnis dieses Prozesses in zwölf Wochen. Ohne Strategie dahinter bekommst du gut formulierte Ziele, die in die falsche Richtung zeigen.

Wenn du die Übersetzung nicht alleine machen willst

Der Schritt vom Strategiepapier zum Quartalsziel ist der, an dem die meisten Unternehmer hängen bleiben. Nicht, weil sie die Methode nicht verstehen — sondern weil im Alltag niemand den Takt hält.

Genau daran arbeiten wir im Skalierungsconsulting: Ziele, Zahlen und Verantwortlichkeiten so aufsetzen, dass dein Unternehmen auch dann liefert, wenn du nicht im Haus bist. Ich steuere meine eigenen Unternehmen aus Dubai vom Smartphone, während über 20 Vertriebler in Bochum jeden Monat Millionenumsätze produzieren. Das funktioniert nicht mit Motivation. Das funktioniert mit einem Takt, den alle kennen.

Wenn du zuerst sehen willst, wie das im Live-Format aussieht: Unternehmer mit System.

Häufige Fragen zu OKR

Wie viele OKR sollte ein Unternehmen gleichzeitig haben?

Auf Unternehmensebene ein bis maximal zwei Objectives mit je zwei bis vier Key Results. Jedes Team, das eigene Sets bekommt, ebenfalls maximal zwei. Wer mehr aufs Board schreibt, hat keine Prioritäten gesetzt, sondern eine Aufgabenliste umbenannt.

Was ist der Unterschied zwischen OKR und KPI?

Ein KPI misst dauerhaft den laufenden Betrieb und läuft unbefristet weiter. Ein OKR setzt für ein Quartal einen Fokus auf Veränderung und verschwindet danach wieder. Häufig taucht derselbe Wert in beiden auf — als KPI im Bericht, als Key Result mit Ausgangs- und Zielwert für zwölf Wochen.

Soll ich OKR bis auf jeden einzelnen Mitarbeiter herunterbrechen?

Nein, jedenfalls nicht im ersten Jahr. Persönliche OKR für jeden Mitarbeiter erzeugen im Mittelstand vor allem Pflegeaufwand. Bleib auf Unternehmens- und Teamebene. Individuelle Leistung gehört ins Mitarbeitergespräch, nicht aufs Quartalsboard.

Was passiert, wenn ein Key Result nicht erreicht wird?

Nichts, außer einer ehrlichen Ursachenanalyse in der Retro. Ein Erreichungsgrad um 0,7 gilt als gut. Wer dauerhaft 1,0 erreicht, plant zu vorsichtig. Genau deshalb bleibt OKR bonusfrei — sonst wird aus der Analyse eine Verteidigungsrede.

Kann ich OKR und Balanced Scorecard parallel nutzen?

Ja, mit klarer Rollenteilung. Die Balanced Scorecard ist das dauerhafte Steuerungssystem über Jahre und vier Perspektiven, OKR der quartalsweise Fokus auf Veränderung. Die Regel: Ein Wert steht entweder als Kennzahl in der Scorecard oder als Key Result im Quartal — nie doppelt geführt, sonst widersprechen sich die Zahlen.