Just in Time: Material genau dann, wenn du es brauchst

Dein Lager ist voll. Regale bis unter die Decke, Paletten im Gang, im Keller drei Kartons mit Teilen, die seit zwei Jahren keiner angefasst hat. Und trotzdem ruft dein Monteur um halb acht an: „Chef, das Ventil fehlt. Die Baustelle steht."
Das Paradox sehe ich in fast jedem Betrieb, der mit Material arbeitet: zu viel von dem, was keiner braucht, zu wenig von dem, was heute gebraucht wird.
Genau dieses Problem löst Just in Time. Die Idee ist so einfach, dass sie fast banal klingt: Du beschaffst und produzierst nur das, was gebraucht wird, dann, wenn es gebraucht wird, und in der Menge, die gebraucht wird. Nicht mehr. Nicht früher. Nicht auf Verdacht.
Wer das Prinzip falsch versteht, räumt sein Lager leer und legt am nächsten Dienstag die Produktion lahm. Ich zeige dir, woher das Prinzip kommt, wie es funktioniert, was Just in Sequence ist, an drei Beispielen aus Handwerk, Handel und Dienstleistung — und wo die Grenzen liegen.
Was ist Just in Time? Die kurze Antwort
Just in Time (kurz JIT, wörtlich „gerade rechtzeitig") ist ein Prinzip aus der Produktion und Beschaffung. Material kommt genau dann an, wenn es verarbeitet wird. Produziert wird genau das, was der nächste Schritt oder der Kunde abruft. Das Ziel: so wenig Bestand wie möglich, so wenig Wartezeit wie möglich, so wenig gebundenes Kapital wie möglich.
Die deutsche Fachsprache nennt es „bedarfssynchrone Produktion". Dein Materialfluss richtet sich nach dem Bedarf — nicht nach dem Rabatt für die doppelte Menge und nicht nach dem Bauchgefühl des Einkäufers. Das betrifft das ganze System: Einkauf, Lager, Fertigung, Lieferanten, Vertrieb.
Just in Time vs. Just in Case
Das Gegenteil hat auch einen Namen: Just in Case — Vorratshaltung für den Fall der Fälle. Die meisten Mittelständler arbeiten so, ohne es zu wissen.
Just in Case, die Logik des vollen Lagers:
- Du bestellst große Mengen, weil der Stückpreis sinkt
- Du hältst Puffer für jede denkbare Störung
- Fehler und Engpässe verschwinden im Bestand und fallen niemandem auf
- Dein Kapital steckt im Regal statt auf dem Konto
Just in Time, die Logik des schlanken Flusses:
- Du bestellst kleine Mengen, dafür öfter und verlässlich
- Du hältst Puffer nur dort, wo eine Störung teuer wäre
- Fehler und Engpässe tauchen sofort auf, weil kein Bestand sie verdeckt
- Dein Kapital bleibt frei für Wachstum
Keiner der beiden Wege ist per se richtig. Die Frage ist, wo in deinem Betrieb welcher Weg das Geld verdient. Dazu komme ich gleich.
Woher Just in Time kommt: Toyota, Toyoda und Ōno
Just in Time ist ein Kind der japanischen Autoindustrie der Nachkriegszeit. Toyota hatte ein Problem, das viele Mittelständler heute kennen: Der Markt war zu klein, um durch Masse günstig zu werden. Henry Ford konnte in den USA Hunderttausende identische Autos bauen und die Kosten über die Stückzahl drücken. Das ging in Japan nicht.
Kiichirō Toyoda zog daraus den Schluss, dass Toyota nur wettbewerbsfähig wird, wenn es Verschwendung eliminiert — und Vorratshaltung ist Verschwendung. Ausgearbeitet und im Werk durchgesetzt hat das Prinzip dann Taiichi Ōno, der Produktionsingenieur, der als Vater des Toyota-Produktionssystems gilt. Breite Aufmerksamkeit bekam das Konzept außerhalb Japans ab 1973, als Toyota den Ölschock besser überstand als die Konkurrenz.
Toyota selbst beschreibt das Produktionssystem bis heute mit zwei Säulen. Die erste ist Jidoka: Die Maschine oder der Mensch stoppt sofort, wenn ein Fehler auftritt, damit kein fehlerhaftes Teil weiterwandert. Die zweite ist Just in Time. Wie eng beides zusammenhängt, liest du direkt beim Urheber auf der offiziellen Seite zum Toyota-Produktionssystem. Dort steht auch der Satz, der das Ausmaß zeigt: Ein Auto besteht aus mehr als 30.000 Teilen, die nicht nur Toyota, sondern viele Partnerwerke fertigen — und alle müssen synchron laufen.
Ohne Jidoka bricht Just in Time zusammen, denn wer keinen Puffer hat, kann sich keine fehlerhaften Teile leisten. Wie du Fehler an der Quelle abfängst, statt sie im Lager zu verstecken, zeige ich dir im Artikel über Poka Yoke — dort geht es auch um Jidoka im Detail.
JIT ist damit ein Baustein des schlanken Wirtschaftens. Den großen Rahmen, die sieben Arten der Verschwendung und warum Bestand eine davon ist, findest du im Artikel über Lean Management. Hier bleibe ich beim Materialfluss.
Die drei Regeln von Just in Time
Toyota fasst das Prinzip in drei Regeln zusammen. Ich übersetze sie dir in die Sprache eines Unternehmers mit 30 Mitarbeitern.
Regel 1: Nur was gebraucht wird, wann es gebraucht wird, in der Menge, die gebraucht wird
Das ist der Kern. Drei Bedingungen, alle gleichzeitig. Das richtige Teil zur falschen Zeit ist nutzlos. Die richtige Zeit mit der doppelten Menge ist Verschwendung. Für deinen Einkauf heißt das: Jede Bestellung braucht einen Anlass, keinen Rabatt.
Regel 2: Waren und Informationen dürfen nicht stehen bleiben
Toyota nennt ausdrücklich auch Informationen. Ein Auftrag, der drei Tage im Postfach des Einkäufers liegt, bevor die Bestellung rausgeht, ist genauso Bestand wie eine Palette im Gang. Nur unsichtbar. In vielen Betrieben ist das der größere Hebel: Nicht das Lager bremst, sondern der Zettel, der auf dem Schreibtisch wartet.
Regel 3: Produziere im Takt, in dem verkauft wird
Verkaufst du 40 Einheiten pro Woche, produzierst du 40 pro Woche — nicht 200 im März und null im April. Dieser Rhythmus heißt Takt. Er ist der Grund, warum Just in Time mit Vertrieb zu tun hat: Wer im Vertrieb keine planbaren Aufträge erzeugt, bekommt in der Produktion keinen Takt hin. Schwankende Nachfrage ist der natürliche Feind von JIT.
Just in Time Produktion: Pull statt Push
Die meisten Betriebe arbeiten nach dem Push-Prinzip. Die Planung schätzt, was verkauft wird, die Fertigung produziert danach, und die fertige Ware wird in den Markt gedrückt. Stimmt die Schätzung nicht, liegt Ware im Lager oder fehlt.
Just in Time Produktion dreht die Richtung um. Das ist das Pull-Prinzip: Der Kunde zieht. Erst wenn eine Bestellung eingeht oder ein Teil verbraucht wird, bekommt der vorgelagerte Schritt das Signal, nachzuliefern. Jeder Prozessschritt ist Kunde des vorherigen.
Toyota beschreibt die Mechanik so: Der vorgelagerte Prozess hält einen kleinen Vorrat fertiger Teile bereit. Der nachgelagerte Prozess holt sich, was er braucht. Und genau diese entnommene Menge wird nachproduziert — nicht mehr. So entsteht eine Kette, in der jeder Schritt nur ersetzt, was verbraucht wurde.
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Kleine Losgrößen und kurze Rüstzeiten
Pull funktioniert nur, wenn du kleine Mengen wirtschaftlich herstellen kannst. Wer eine Maschine zwei Stunden umrüsten muss, fährt große Lose. Deshalb gehört zur Just in Time Produktion immer die Frage: Wie bekomme ich die Rüstzeit runter?
Im Handwerk heißt das: Wie lange braucht mein Monteur, um sein Fahrzeug für den nächsten Auftragstyp fertig zu machen? Jede Minute Umstellzeit drückt dich in Richtung großer Mengen und voller Lager.
Das Signal: die Kanban-Karte
Irgendwie muss der nachgelagerte Schritt dem vorgelagerten sagen, dass er Nachschub braucht. Bei Toyota ist das die Kanban-Karte: eine Karte am Behälter, auf der steht, welches Teil, welche Menge, von wo nach wo. Ist der Behälter leer, wandert die Karte zurück — und die Karte ist der Auftrag. Keine Karte, keine Produktion. Das begrenzt den Bestand automatisch, weil nur so viele Behälter im Umlauf sind, wie es Karten gibt.
Wichtig ist die Abgrenzung: Diese Kanban-Karte in Fertigung und Beschaffung ist das Steuerungssignal für Material. Das, was heute in Büros und Projektteams als Kanban an der Wand oder im Browser hängt, ist die Übertragung dieses Gedankens auf Wissensarbeit — Aufgaben statt Teile, Spalten statt Behälter. Wie du diese Tafel für dein Team aufbaust und warum das WIP-Limit der eigentliche Trick ist, erkläre ich im Artikel über Kanban. Für Just in Time zählt nur die Karte am Behälter.
Im Kleinbetrieb reicht oft die einfachste Form: das Zwei-Behälter-System. Zwei Kisten mit Schrauben, Dichtungen oder Verbrauchsmaterial. Ist die erste leer, wird die zweite angebrochen, und die leere Kiste geht mit Zettel an den Einkauf. Bis die zweite leer ist, ist die erste wieder voll. Kein Computer, keine Zählerei, keine Inventur für Kleinteile.
Just in Time Lieferung: was dein Lieferant können muss
Die Just in Time Lieferung ist die Außenseite des Prinzips. Dein Lieferant bringt das Material nicht, wenn es ihm passt, sondern wenn du es verarbeitest — oft direkt an den Arbeitsplatz. In der Autoindustrie ist das Standard, im Mittelstand die Ausnahme. Denn JIT verlagert Risiko. Wer kein Lager hat, ist vom Lieferanten abhängig. Kommt der Lkw zu spät, steht deine Produktion. Deshalb ist JIT-Belieferung kein Einkaufsthema, sondern ein Partnerschaftsthema. Was du dafür brauchst:
- Verlässlichkeit vor Preis. Der billigste Lieferant, der zweimal im Monat zu spät kommt, ist für JIT der teuerste.
- Kurze Wege. Je weiter der Lieferant weg ist, desto mehr Dinge können unterwegs schiefgehen.
- Feste Abrufmengen und Zeitfenster. Nicht „wann immer", sondern „dienstags und donnerstags bis 7 Uhr".
- Qualität ohne Eingangsprüfung. Wenn du jede Lieferung erst prüfen musst, bevor du sie verarbeitest, verlierst du die Zeit, die JIT dir spart.
- Offene Information. Dein Lieferant sieht deine Planung früh genug, um selbst planen zu können.
Das letzte Wort dazu: Just in Time schiebt den Bestand nicht einfach zum Lieferanten. Wer das versucht, zahlt es über den Preis zurück. Echtes JIT senkt den Bestand in der ganzen Kette, weil alle im selben Takt arbeiten. Wie du die ganze Kette von Lieferant bis Kunde auf ein Blatt bekommst und siehst, wo deine Marge entsteht, zeigt dir der Artikel über die Wertschöpfungskette.
Just in Sequence: die Steigerung von JIT
Just in Sequence (JIS) geht einen Schritt weiter. Das Material kommt nicht nur zur richtigen Zeit, sondern in der richtigen Reihenfolge. Der Lieferant liefert die Teile genau in der Abfolge, in der sie verbaut werden.
Das klassische Beispiel stammt wieder aus der Autoindustrie. Wenn am Band hintereinander ein rotes Auto mit Ledersitzen, ein blaues mit Stoffsitzen und ein schwarzes mit Sportsitzen kommen, liefert der Sitzhersteller die Sitze exakt in dieser Reihenfolge an. Der Monteur greift nicht mehr ins Regal und sucht. Er nimmt einfach den nächsten. Die Reihenfolge der Montage heißt in der Fachsprache „Perlenkette" — und JIS setzt voraus, dass diese Kette hält. Die Einzelheiten stehen im Wikipedia-Artikel zur Just-in-sequence-Produktion.
Just in Time vs. Just in Sequence auf einen Blick:
- JIT: richtiges Teil, richtige Menge, richtiger Zeitpunkt
- JIS: dazu noch die richtige Reihenfolge
- JIT: funktioniert auch mit einfachen Mitteln im Kleinbetrieb
- JIS: braucht exakte Planung, stabile Reihenfolge und Datenaustausch in Echtzeit
Brauchst du als Mittelständler Just in Sequence? In der Fertigung meistens nicht. Aber der Gedanke trägt. Der Elektriker, dessen Fahrzeug morgens in der Reihenfolge der Baustellen gepackt ist, arbeitet nach dem JIS-Prinzip. Die Werkstatt, die Material nicht nur pro Tag, sondern pro Auftrag in Kisten vorkommissioniert, auch. Wer so arbeitet, spart sich jeden Morgen die halbe Stunde Suchen.
Voraussetzungen: Wann Just in Time funktioniert
Just in Time ist kein Schalter, den du umlegst. Es ist das Ergebnis eines Betriebs, der vorher aufgeräumt hat. Diese vier Voraussetzungen — dazu die verlässlichen Lieferanten von oben — musst du ehrlich prüfen, bevor du Bestände abbaust.
1. Planbarer Bedarf
JIT braucht Verbrauch, der sich einigermaßen vorhersagen lässt. Wer Material für Aufträge braucht, die zu 80 Prozent spontan und einmalig sind, kommt mit reinem Pull nicht weit. Dann trennst du: planbare Standardteile nach JIT, Sonderteile nach Auftrag, strategische Teile mit Puffer.
2. Stabile Qualität
Ohne Lager gibt es kein Ersatzteil daneben. Jedes fehlerhafte Teil ist ein Stillstand. Deshalb gehört zu JIT ein Qualitätssystem, das Fehler abfängt, bevor sie entstehen. Wie das Ganze zusammenhängt, von der Fehlervermeidung bis zur Verbesserung im Alltag, zeigt dir der Überblick zum Qualitätsmanagement.
3. Ordnung am Arbeitsplatz
Wer nicht weiß, was er hat, kann nicht nach Bedarf bestellen. Ein Lager, in dem keiner findet, was drin ist, führt zu Doppelbestellungen und Notkäufen. Die Grundlage ist ein Arbeitsplatz, an dem jedes Teil einen festen Ort hat und jeder sofort sieht, was fehlt. Genau dafür gibt es die 5S-Methode — sie ist in vielen Betrieben der erste Schritt, bevor Just in Time überhaupt Sinn ergibt.
4. Ein Team, das Probleme meldet
Ohne Lager kommen Probleme hoch. Das ist Absicht — aber nur ein Vorteil, wenn deine Leute sie melden, statt sie heimlich zu umgehen. Ein Betrieb, in dem der Überbringer schlechter Nachrichten bestraft wird, ist nicht reif für Just in Time.
Just in Time im Mittelstand: drei Beispiele
Jetzt wird es praktisch. Die folgenden drei Fälle sind Szenarien, wie ich sie in dieser Form immer wieder bei Unternehmern sehe. Die Zahlen sind Rechenbeispiele, keine Messwerte eines echten Kunden.
Szenario 1: Der Sanitärbetrieb mit dem vollen Keller
Ein Sanitär- und Heizungsbetrieb mit 25 Monteuren. Im Keller lagert Material im Wert von rund 180.000 Euro, dazu fährt jedes Fahrzeug eine eigene Grundausstattung spazieren. Trotzdem fahren die Monteure fast täglich zum Großhändler, weil das eine Teil fehlt.
Die Umstellung läuft in drei Schritten. Erstens: Kleinteile und Verbrauchsmaterial in den Fahrzeugen bekommen ein Zwei-Behälter-System. Leere Kiste abends auf den Tresen, am nächsten Morgen liegt sie voll wieder da. Zweitens: Auftragsbezogenes Material für geplante Baustellen wird nicht mehr auf Lager gelegt, sondern mit dem Großhändler zur Lieferung auf die Baustelle oder in den Betrieb am Vortag abgerufen. Drittens: Der Keller wird durchgeräumt. Was zwei Jahre nicht bewegt wurde, wird verkauft, zurückgegeben oder abgeschrieben.
Das Ergebnis: deutlich weniger Kapital im Keller, weniger Fahrten zum Großhandel, Monteure auf der Baustelle statt am Regal. Warum genau dieser Effekt so wichtig ist, erkläre ich im Artikel über Working Capital — dort rechnest du aus, wie viele Tage dein Geld im Lager schläft.
Szenario 2: Der Großhändler, der auf Verdacht einkauft
Ein technischer Großhandel mit 12 Mitarbeitern im Innendienst. Der Einkäufer bestellt nach Gefühl und nach Staffelrabatt. Die Folge: Schnelldreher sind regelmäßig ausverkauft, Langsamdreher stapeln sich.
Hier ist Just in Time kein Totalumbau, sondern eine Sortierung. Die Artikel werden nach Umschlag in drei Gruppen geteilt. Schnelldreher mit stabilem Absatz laufen auf festen Abrufen mit den Hauptlieferanten, zwei- oder dreimal die Woche in kleinen Mengen. Langsamdreher werden nur noch auf Kundenauftrag bestellt, mit klarer Lieferzeit im Angebot. Und für eine kleine Zahl strategischer Artikel — die, bei denen ein Fehlbestand einen Großkunden kostet — bleibt bewusst ein Sicherheitspuffer.
Die Lektion: JIT heißt nicht „null Lager für alles", sondern „bewusster Bestand statt zufälliger Bestand". Und die Staffelrabatte rechnest du gegen Lagerkosten und gebundenes Kapital.
Szenario 3: Der Dienstleister, dessen Angebote liegen bleiben
Jetzt ein Fall ohne ein einziges Teil. Eine Agentur oder ein Ingenieurbüro mit 15 Mitarbeitern. Die Anfragen kommen rein, und jeder im Team beginnt sofort mit einem Angebot. Nach einer Woche liegen 20 halbfertige Angebote im System. Fertig ist keines, und der Kunde wartet.
Das ist Just in Case in der Wissensarbeit: angefangen auf Vorrat. Die Regel 2 von Toyota — Informationen dürfen nicht stehen bleiben — greift hier direkt. Der Pull-Gedanke heißt übersetzt: Ein neues Angebot wird erst begonnen, wenn eines fertig und raus ist. Unterlagen vom Kunden werden erst dann angefordert, wenn sie gebraucht werden, dann aber sofort. Und die Reihenfolge richtet sich nach dem Bedarf des Kunden, nicht nach dem, worauf der Mitarbeiter gerade Lust hat.
Dein Angebotsprozess ist ein Materialfluss aus Information. Wer ihn beschleunigt, gewinnt Aufträge, die sonst an den schnelleren Wettbewerber gehen.
Vorteile und Nachteile von Just in Time
Jetzt die ehrliche Bilanz. JIT ist ein starkes Prinzip, aber keines ohne Preis.
Die Vorteile:
- Weniger gebundenes Kapital. Geld, das nicht im Regal liegt, arbeitet für dich.
- Weniger Fläche, weniger Kosten. Kleineres Lager, weniger Miete, weniger Versicherung, weniger Inventur. Das drückt deinen Kostenblock dauerhaft — mehr dazu im Artikel über Fixkosten.
- Probleme werden sichtbar. Ohne Puffer fällt jeder Engpass sofort auf und kann gelöst werden.
- Kürzere Durchlaufzeiten. Der Auftrag fließt, statt zwischen den Schritten zu warten.
Die Nachteile:
- Abhängigkeit vom Lieferanten. Fällt er aus, stehst du still.
- Anfällig für Störungen von außen. Streik, Unwetter, Grenzkontrollen, gesperrte Autobahnen — jede Störung schlägt sofort durch.
- Mehr Transporte. Kleinere Mengen, öfter geliefert, bedeuten mehr Fahrten und oft höhere Stückkosten im Transport.
- Hohe Anforderungen an Disziplin. Ein einziger Mitarbeiter, der Karten nicht zurückgibt oder Abrufe vergisst, bringt das System ins Stolpern.
Die Lehre aus gestörten Lieferketten
In den vergangenen Jahren haben viele Unternehmen erlebt, wie schnell globale Lieferketten reißen: Pandemie, blockierte Seewege, Chipmangel. Seitdem hörst du oft: „Just in Time ist tot, wir brauchen wieder Lager."
Das ist die falsche Schlussfolgerung. Richtig ist: Blindes Just in Time ohne Risikobetrachtung war nie klug. Toyota selbst hält einen kleinen, festgelegten Vorrat zwischen den Prozessen. Die bessere Antwort ist eine Mischung. Du prüfst für jede kritische Materialgruppe: Wie wahrscheinlich ist ein Ausfall, und was kostet mich ein Tag Stillstand? Wo beides hoch ist, hältst du Sicherheitsbestand. Wo beides niedrig ist, gilt Just in Time. So bekommst du die Kapitalvorteile, ohne dein Geschäft an einen einzigen Lkw zu hängen.
Just in Time einführen: fünf Schritte
Du willst anfangen? Dann nicht mit dem großen Umbau, sondern mit einer einzigen Materialgruppe. Hier ist der Weg.
- Bestand sichtbar machen. Geh durch dein Lager und notiere für jede Materialgruppe: Wie viel liegt da, wie viel wird pro Woche verbraucht, wann wurde zuletzt etwas entnommen? Allein diese Liste ist für viele Unternehmer ein Schock.
- Eine Pilotgruppe wählen. Nimm Material mit stabilem Verbrauch und einem verlässlichen Lieferanten. Kleinteile und Verbrauchsmaterial sind ideal.
- Das Signal festlegen. Zwei-Behälter-System, Kanban-Karte oder fester Abruf beim Lieferanten. Hauptsache, es ist eindeutig, wer wann nachbestellt — und niemand bestellt nach Gefühl nebenher.
- Mit dem Lieferanten reden. Feste Abruftage, Liefermengen, Reaktionszeiten. Schriftlich. Und frag ihn, was er von dir braucht, um verlässlich liefern zu können.
- Messen und nachschärfen. Nach vier Wochen schaust du hin: Gab es Fehlbestände? Wo ist der Puffer zu groß, wo zu klein? Dann passt du an und nimmst die nächste Gruppe dazu.
Dieser Rhythmus aus Ausprobieren, Messen und Nachschärfen ist nichts anderes als kontinuierliche Verbesserung. Wie du daraus eine Routine im Betrieb machst, zeige ich dir im Artikel über den KVP.
Die häufigsten Fehler bei Just in Time
Diese Fehler sehe ich immer wieder.
- Lager leerräumen, bevor der Fluss steht. Erst Prozess und Lieferant stabil machen, dann Bestand abbauen. Nie umgekehrt.
- Alles gleich behandeln. Standardteile, Sonderteile und strategische Teile brauchen unterschiedliche Regeln.
- Bestand zum Lieferanten schieben. Er schlägt die Lagerkosten auf den Preis auf. Gewonnen hast du nichts.
- Den Vertrieb vergessen. Wenn dein Vertrieb am Monatsende mit Rabattaktionen Spitzen erzeugt, gibt es keinen Takt. Vorhersagbarer Vertrieb ist die Grundlage für vorhersagbare Beschaffung.
- JIT als Sparprogramm verkaufen. Wenn dein Team glaubt, es geht nur ums Kostendrücken, meldet es keine Probleme mehr. Und dann funktioniert nichts.
Genau an diesem Punkt entscheidet sich, ob du Just in Time als System betreibst oder als Experiment. Systeme laufen auch dann, wenn du nicht im Betrieb bist. Wenn du wissen willst, wie du dein Unternehmen insgesamt so aufstellst — Vertrieb, Prozesse, Zahlen —, dann hol dir mein kostenloses Unternehmer-Paket mit 7 Anleitungen für mehr Umsatz. Dort findest du die Bausteine, mit denen du aus einem Betrieb, der an dir hängt, ein Unternehmen machst, das mit System wächst.
Häufige Fragen zu Just in Time
Was bedeutet Just in Time einfach erklärt?
Just in Time bedeutet, dass Material genau dann beschafft und Produkte genau dann hergestellt werden, wenn sie gebraucht werden — in der benötigten Menge. Statt auf Vorrat zu arbeiten, richtet sich der ganze Materialfluss nach dem tatsächlichen Bedarf. Das senkt Lagerbestände und gebundenes Kapital.
Was ist der Unterschied zwischen Just in Time und Just in Sequence?
Bei Just in Time kommt das richtige Material zur richtigen Zeit in der richtigen Menge. Just in Sequence ergänzt die richtige Reihenfolge: Die Teile werden exakt in der Abfolge geliefert, in der sie verbaut werden. JIS verlangt deutlich mehr Planung und ist vor allem in der Autoindustrie verbreitet.
Wer hat Just in Time erfunden?
Just in Time entstand bei Toyota in Japan. Die Grundidee wird Kiichirō Toyoda zugeschrieben, ausgearbeitet und im Werk umgesetzt hat sie Taiichi Ōno als Teil des Toyota-Produktionssystems. Außerhalb Japans wurde das Konzept vor allem nach dem Ölschock 1973 bekannt.
Welche Nachteile hat JIT?
Der größte Nachteil ist die Abhängigkeit von Lieferanten und stabilen Lieferwegen. Fällt eine Lieferung aus, steht die Produktion, weil kein Puffer da ist. Dazu kommen mehr Transporte, verlorene Mengenrabatte und hohe Anforderungen an Qualität und Disziplin im Team.
Funktioniert Just in Time auch im Handwerk oder bei Dienstleistern?
Ja, in angepasster Form. Im Handwerk eignet sich JIT für Verbrauchsmaterial und auftragsbezogene Lieferungen direkt auf die Baustelle. Bei Dienstleistern überträgst du das Prinzip auf Informationen: Aufträge und Angebote werden nicht auf Vorrat angefangen, sondern fließen nacheinander durch bis zum Abschluss.
Fazit: Bestand ist eine Entscheidung
Just in Time ist kein Trick aus der Autoindustrie zum Kopieren. Es ist eine Frage, die du dir für jedes Regal, jede Palette und jedes halbfertige Angebot stellst: Brauche ich das jetzt — oder liegt es hier, weil keiner entschieden hat?
Fang klein an. Eine Materialgruppe, ein Lieferant, ein klares Signal. Miss nach vier Wochen. Dann die nächste Gruppe. So baust du Schritt für Schritt einen Betrieb, in dem das Geld nicht im Keller liegt, sondern für dich arbeitet. Mit System, nicht mit Glück.
