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Stage-Gate-Prozess: Phasen, Gates und Einsatz im Mittelstand

Dirk Kreuter
Dirk Kreuter im Seminarraum zwischen Teilnehmern, Titelbild zum Artikel über den Stage-Gate-Prozess

Jeder Unternehmer kennt dieses eine Projekt. Die neue Softwarelösung, das zweite Standbein, das Onlineangebot, der Wartungsservice. Vor anderthalb Jahren gestartet, mit viel Begeisterung. Seitdem hat es Geld gekostet, Arbeitszeit gebunden und deinen besten Mann aus dem Tagesgeschäft gezogen. Verkauft ist bis heute nichts. Aber einstellen will es auch keiner — „wir sind doch kurz davor".

Genau für diese Lage gibt es den Stage-Gate-Prozess. Er zerlegt ein Innovationsvorhaben in Abschnitte und setzt vor jeden neuen Abschnitt eine Schranke: ein Tor, an dem entschieden wird, ob das Projekt weiterläuft oder stirbt. Nicht nach Gefühl, sondern nach vorher festgelegten Kriterien. Klingt nach Konzern-Bürokratie. Ist es nicht, wenn du es richtig machst.

Ich zeige dir die Phasen und Gates, was an jedes Tor gehört — und wie du den Stage-Gate-Prozess in einem Betrieb mit 5 bis 200 Mitarbeitern mit drei statt fünf Gates einsetzt. Denn eines ist mir wichtig: Innovation heißt nicht, etwas Neues zu erfinden. Innovation heißt, etwas Neues verkauft zu bekommen. Und der Stage-Gate-Prozess ist das Werkzeug, das dich zwingt, genau diese Frage früh zu stellen.

Was ist der Stage-Gate-Prozess?

Der Stage-Gate-Prozess ist ein Entscheidungsmodell für Innovationsprojekte. Er teilt den Weg von der Idee bis zur Markteinführung in klar abgegrenzte Arbeitsabschnitte (die Stages, also Stufen) und setzt vor jeden Abschnitt einen Entscheidungspunkt (das Gate, also Tor). In den Stufen wird gearbeitet. An den Toren wird entschieden.

Das Prinzip:

  • Stufe: Das Team sammelt in begrenzter Zeit, was für die nächste Entscheidung nötig ist — Kundenfeedback, Kosten, Machbarkeit, Preis.
  • Tor: Die Entscheider prüfen das gegen feste Kriterien: weitermachen, stoppen, zurückstellen oder nacharbeiten.
  • Nächste Stufe: Nur wenn das Tor aufgeht, gibt es Budget und Leute.

Der entscheidende Gedanke dahinter: Mit jeder Stufe steigt der Einsatz. Ein Konzept auf zwei Seiten kostet dich ein paar Stunden. Ein fertiger Prototyp kostet Zehntausende. Eine Markteinführung mit Werbung, Schulung und Lager kostet noch mehr. Der Stage-Gate-Prozess sorgt dafür, dass du mehr Geld erst dann einsetzt, wenn du mehr weißt. Cooper selbst vergleicht das auf der offiziellen Übersichtsseite zum Stage-Gate-Modell mit Poker: Die Einsätze werden größer, aber mit jedem Einsatz siehst du auch mehr Karten.

Stage-Gate: Herkunft des Begriffs und Robert G. Cooper

Den Begriff Stage-Gate hat der kanadische Innovationsforscher Robert G. Cooper geprägt. Nach eigener Angabe erschien er erstmals 1988 gedruckt. Cooper hat über Jahrzehnte untersucht, warum manche neuen Produkte erfolgreich sind und andere scheitern, und seine Erkenntnisse in dieses Modell gegossen. Sein Standardwerk heißt „Winning at New Products", die fünfte Auflage erschien 2017. Stage-Gate ist in den USA, Kanada und Europa als Marke eingetragen — deshalb liest du in der Literatur auch Begriffe wie „Phase-Gate-Modell" oder „Phasen-Entscheidungs-Prozess". Gemeint ist dasselbe Prinzip.

Ganz neu war die Idee nicht: Die NASA prüfte schon in den 1960er-Jahren Projekte phasenweise, wie die Wikipedia-Seite zum Phase-Gate-Modell beschreibt. Coopers Beitrag: Er hat den Kunden in jede Stufe eingebaut. Die NASA prüfte, ob die Technik funktioniert. Cooper prüft zusätzlich, ob jemand das Ergebnis kauft.

Warum Innovationen ohne Gates im Mittelstand versanden

In großen Konzernen scheitern Innovationen oft an zu viel Abstimmung. Im Mittelstand scheitern sie an etwas anderem: am fehlenden Stoppsignal. Der Chef hat die Idee, der Chef bezahlt, der Chef entscheidet — und der Chef gibt ungern zu, dass seine Idee nicht funktioniert.

Das führt zu drei typischen Mustern:

  • Das Zombie-Projekt. Es lebt, weil niemand es beerdigt. Jeden Monat fließen ein paar Stunden und ein paar Tausend Euro hinein, ohne dass jemand fragt, wofür.
  • Das Liebhaber-Projekt. Gebaut wird, was der Unternehmer oder der Techniker spannend findet — nicht, was der Kunde bezahlt. Das Produkt wird immer besser, der Markt immer kleiner.
  • Das Überholprojekt. Drei neue Ideen laufen parallel, alle mit halber Kraft, keine wird fertig. Das Tagesgeschäft leidet, und am Ende landet keine davon beim Kunden.

Allen drei fehlt ein fester Termin, an dem das Projekt beweisen muss, dass es den nächsten Euro wert ist. Der Stage-Gate-Prozess macht aus einem „Wir schauen mal" ein „Bis zum 15. November liegen fünf Kundengespräche und ein Preis auf dem Tisch — sonst ist Schluss".

Die Methode ist dabei ein Baustein deines Innovationsmanagements: Dort geht es um die Frage, wie du überhaupt Ideen gewinnst und welche Kultur du dafür brauchst. Der Stage-Gate-Prozess übernimmt danach — wenn aus einer Idee ein Projekt mit Budget werden soll.

Die Phasen des Stage-Gate-Prozesses

Das klassische Modell nach Cooper besteht aus einer Entdeckungsphase und fünf Stufen, jeweils mit einem Tor davor. Ich beschreibe dir die Stufen so, wie Cooper sie definiert, und übersetze sie gleich in die Sprache eines mittelständischen Betriebs.

Entdeckung: Ideen sammeln

Vor der ersten Stufe liegt die Entdeckung. Ideen entstehen aus Kundengesprächen, Reklamationen, dem Außendienst, von Lieferanten, aus der eigenen Werkstatt. Wie du sie systematisch einsammelst, gehört ins Ideenmanagement. Für den Stage-Gate-Prozess zählt nur: Es gibt eine Stelle, an der Ideen landen, und einen festen Termin für das erste Tor.

Stufe 1: Konzept

Eine schnelle, grobe Prüfung: Wer ist der Kunde, welches Problem löst die Idee, wie groß ist der Markt, können wir das technisch? Cooper spricht von Schreibtischrecherche. Für dich: ein paar Tage, keine Wochen. Ergebnis ist ein Konzept auf ein bis zwei Seiten.

Stufe 2: Business Case

Jetzt wird es ernst. Der Business Case — auf Deutsch die Wirtschaftlichkeitsbegründung — beantwortet, ob sich das Vorhaben rechnet. Dazu gehören echte Kundengespräche, eine Prüfung der technischen Machbarkeit, ein klares Nutzenversprechen, eine Kalkulation und eine Risikoabschätzung. Am Ende steht eine belastbare Beschreibung: Was genau bieten wir an, für wen, zu welchem Preis, mit welchem Aufwand?

Diese Stufe wird im Mittelstand am häufigsten übersprungen. Wie du das Nutzenversprechen in dein Geschäftsmodell einordnest, entscheidet hier über alles, was danach kommt. Eine gute Übung dafür ist das Business Model Canvas: Wenn du die neue Leistung nicht auf ein Blatt bekommst, ist sie noch nicht reif für Gate 3.

Ob die Idee technisch oder organisatorisch überhaupt funktioniert, klärst du in dieser Stufe oft mit einem Proof of Concept, also einem kleinen Machbarkeitsnachweis, bevor du in die teure Entwicklung gehst.

Stufe 3: Entwicklung

Erst jetzt wird gebaut. Das Produkt, die Dienstleistung, die Abläufe dahinter. Bei einem Handwerksbetrieb heißt das: Leistungsbeschreibung, Materialliste, Schulung der Monteure. Bei einem Seminaranbieter: Inhalte, Unterlagen, Ablauf. Das Ergebnis dieser Stufe ist ein funktionierender Prototyp oder eine erste Version, die ein Kunde testen kann. Wie du diese Phase selbst strukturierst, beschreibe ich ausführlich im Artikel zur Produktentwicklung.

Stufe 4: Test und Validierung

Die neue Leistung geht zu echten Kunden. Pilotkunden, Testmärkte, Probebetrieb. Cooper nennt drei Fragen, die diese Stufe beantworten muss: Funktioniert das Produkt wie versprochen? Nimmt der Markt es an? Kann der Betrieb es zuverlässig in größerer Menge liefern? Die dritte Frage vergessen viele. Ein Angebot, das drei Pilotkunden begeistert, aber deine Werkstatt bei zwanzig Kunden lahmlegt, ist nicht marktreif.

Stufe 5: Markteinführung

Volle Vermarktung: Vertrieb schulen, Werbung starten, Abläufe hochfahren. Nach einer abschließenden Nachbetrachtung wird aus dem Innovationsprojekt Tagesgeschäft.

Die Gates: Go, Kill, Hold oder Recycle

Die Stufen sind das, was alle kennen. Die Gates sind das, was den Stage-Gate-Prozess wertvoll macht. Cooper betont einen Punkt, den ich dir dick unterstreichen will: Ein Gate ist kein Statusbericht. Es schaut nicht zurück („Was habt ihr gemacht?"), sondern nach vorn („Geben wir für den nächsten Abschnitt Geld und Leute frei?").

An jedem Tor gibt es genau vier mögliche Entscheidungen:

  • Go: Das Projekt geht in die nächste Stufe. Budget, Personal, Termine und der Termin des nächsten Gates werden gleich mit festgelegt.

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  • Kill: Das Projekt wird beendet. Sofort, ohne Hintertür.
  • Hold: Das Projekt ist gut, aber gerade nicht dran — etwa weil ein wichtigeres Vorhaben die Leute bindet. Es wird geparkt, mit Termin zur Wiedervorlage.
  • Recycle: Die Informationen reichen nicht für eine Entscheidung. Das Team arbeitet in derselben Stufe nach und kommt erneut ans Tor.

Die wichtigste dieser vier Entscheidungen ist Kill. Ein Stage-Gate-Prozess, in dem nie ein Projekt gestoppt wird, ist kein Entscheidungsprozess, sondern ein Genehmigungsstempel. Wenn an deinen Toren alles durchgewunken wird, sind entweder deine Kriterien zu weich oder die Entscheider zu freundlich.

Was an jedes Gate gehört

Nach Cooper hat jedes Tor drei Bestandteile:

  1. Liefergegenstände: Was das Team aus der letzten Stufe mitbringen muss — Kundengespräche, Kalkulation, Testergebnisse, aktualisierter Plan. Das wird vorher festgelegt, damit das Team weiß, woran es gemessen wird.
  2. Kriterien: Woran das Projekt gemessen wird. Cooper unterscheidet zwischen Reife (Ist das Projekt bereit für die nächste Stufe?) und Wert (Lohnt sich das Geschäft?).
  3. Entscheidung und Plan: Go, Kill, Hold oder Recycle — und bei Go sofort die Ressourcen für die nächste Stufe. Cooper warnt ausdrücklich vor der Freigabe ohne Ressourcen: Ein „Ja, macht mal", ohne dass jemand Zeit dafür bekommt, ist ein verstecktes Nein.

K.-o.-Kriterien und Punktekriterien

In der Praxis bewährt sich eine Zweiteilung der Kriterien. Zuerst die K.-o.-Kriterien: Fragen, die mit Ja beantwortet werden müssen, sonst ist das Projekt raus. Danach die Punktekriterien: Fragen, bei denen du bewertest, wie gut ein Projekt ist, um es mit anderen zu vergleichen.

Typische K.-o.-Kriterien im Mittelstand:

  • Passt die Leistung zu unserem Kerngeschäft und zu unseren Kunden?
  • Ist die Leistung rechtlich und technisch machbar?
  • Haben wir mindestens einen Kunden gesprochen, der das Problem bestätigt?
  • Können wir das mit unseren Leuten stemmen, ohne das Tagesgeschäft zu gefährden?

Typische Punktekriterien:

  • Wie groß ist der erwartete Deckungsbeitrag pro Auftrag?
  • Wie viele bestehende Kunden kommen als Käufer infrage?
  • Wie schnell können wir die ersten Umsätze erzielen?
  • Wie schwer ist das Angebot für den Wettbewerb zu kopieren?
  • Wie hoch ist das Risiko, und wie viel Geld steht bis zum nächsten Tor im Feuer?

Die Punktekriterien bewertest du am besten mit einer gewichteten Skala. Wie das sauber geht, zeige ich in der Nutzwertanalyse — genau dieses Werkzeug eignet sich für Gate-Entscheidungen, sobald du mehr als ein Projekt gleichzeitig bewertest. Und für die Frage, was schiefgehen kann und wie teuer das wäre, hilft dir der Blick auf dein Risikomanagement.

Wer entscheidet: die Gatekeeper

Die Entscheider am Tor heißen im Modell Gatekeeper, also Torwächter. Cooper beschreibt sie als feste Gruppe von Führungskräften aus verschiedenen Bereichen, die über die Ressourcen verfügen, die das Projekt als Nächstes braucht. Das Projektteam sitzt mit am Tisch.

In deinem Betrieb heißt das: Am Tor sitzen du, dein Vertriebsleiter und der Verantwortliche für die Umsetzung, etwa der Werkstattmeister. Nicht du allein. Wer allein entscheidet, entscheidet über seine eigene Idee. Der Vertriebsleiter kennt die Kunden, der Werkstattmeister die Machbarkeit. Zu dritt stoppt ihr ein schwaches Projekt deutlich eher.

Stage-Gate im kleinen Betrieb: drei statt fünf Gates

Fünf Stufen, fünf Tore, feste Gremien — für einen Konzern passt das, für einen Betrieb mit 25 Mitarbeitern ist es zu schwer. Cooper selbst betont, dass das Modell an Größe und Risiko angepasst wird. Ein Wartungsangebot braucht nicht die Prüftiefe eines Medizinprodukts.

Mein Vorschlag für den Mittelstand: drei Tore, drei Stufen, feste Termine.

Gate 1 — Die Ideen-Schranke. Passiert eine Idee, wenn sie die K.-o.-Kriterien erfüllt und jemand im Team die Verantwortung übernimmt. Liefergegenstand: ein Blatt mit Kunde, Problem, Lösung, grobem Preis. Zeitbedarf bis hierher: ein halber Tag.

Stufe A — Verkaufstest. Bevor gebaut wird, wird verkauft. Das Team spricht mit mindestens fünf bis zehn Kunden aus der Zielgruppe, stellt die Leistung vor, nennt einen Preis. Das stärkste Signal ist nicht „Klingt spannend", sondern eine Unterschrift, eine Anzahlung oder ein fester Pilotauftrag.

Gate 2 — Die Kunden-Schranke. Hier fällt die wichtigste Entscheidung. Liefergegenstände: Ergebnisse der Kundengespräche, mindestens ein zahlender oder verbindlich zusagender Pilotkunde, eine Kalkulation mit Deckungsbeitrag, der Aufwand für die Umsetzung. Wer hier keinen Kunden vorzeigen kann, bekommt kein Budget für die Entwicklung. Punkt.

Stufe B — Pilot. Die Leistung wird für die Pilotkunden gebaut und geliefert. Das Team dokumentiert, was funktioniert, was hakt, was es wirklich gekostet hat.

Gate 3 — Die Markt-Schranke. Liefergegenstände: Rückmeldungen der Pilotkunden, tatsächliche Kosten, ein Plan für Vertrieb und Einführung, eine Aussage, ob der Betrieb die Leistung in Menge liefern kann. Bei Go folgt die volle Markteinführung.

Der Kern dieser schlanken Variante: Der erste zahlende Kunde ist der beste Test. Kein Marktgutachten, keine Umfrage und keine Excel-Tabelle ersetzt den Moment, in dem jemand für deine neue Leistung Geld überweist. Deshalb liegt in meiner Variante der Verkaufstest vor der Entwicklung, nicht dahinter.

Zwei Regeln machen die drei Tore wirksam:

  • Feste Termine. Jedes Tor hat ein Datum, bevor die Stufe beginnt. Wird der Termin nicht gehalten, ist das bereits eine Information.
  • Fester Rahmen pro Stufe. Du legst vorher fest, wie viel Geld und wie viele Arbeitstage die Stufe kosten darf. Wer mehr braucht, muss zurück ans Tor.

Beispiel: Ein Heizungsbauer führt Wartungsverträge ein

Ein typischer Fall, als Szenario durchgespielt: Ein Heizungs- und Sanitärbetrieb mit 30 Mitarbeitern lebt von Neubau und Sanierung. Die Auftragslage schwankt. Der Inhaber will ein zweites Standbein aufbauen: Wartungsverträge mit festem Jahrespreis für Privatkunden und Hausverwaltungen.

Gate 1. Der Inhaber, sein Vertriebsleiter und der Werkstattmeister setzen sich eine Stunde zusammen. K.-o.-Kriterien: Passt zum Kerngeschäft? Ja. Technisch machbar? Ja, die Monteure warten schon heute einzeln. Kundenproblem bestätigt? Mehrere Hausverwaltungen haben nach festen Preisen gefragt. Leute vorhanden? Knapp, aber im Winter ja. Entscheidung: Go. Die Verantwortung übernimmt der Vertriebsleiter. Budget für Stufe A: zehn Arbeitstage, kein externes Geld. Termin für Gate 2: in sechs Wochen.

Stufe A. Der Vertriebsleiter spricht mit zwölf Bestandskunden und vier Hausverwaltungen. Er stellt drei Pakete vor, nennt Preise, fragt nach einer Zusage für einen Pilotvertrag zum Einführungspreis. Ergebnis: Die Privatkunden finden die Idee gut, unterschreiben aber nicht. Zwei Hausverwaltungen unterschreiben Pilotverträge für zusammen 40 Anlagen.

Gate 2. Die Erkenntnis liegt auf dem Tisch: Das Geschäft liegt nicht bei Privatkunden, sondern bei Hausverwaltungen. Entscheidung: Go — aber nur für das Hausverwaltungs-Paket. Das Privatkunden-Paket bekommt ein Kill. Genau diese Trennung ist der Wert des Tores. Ohne das Gate hätte der Betrieb beide Pakete entwickelt, Prospekte gedruckt und die Monteure geschult — für eine Zielgruppe, die nicht kauft.

Stufe B. Die 40 Anlagen werden gewartet. Der Werkstattmeister misst: Ältere Anlagen brauchen doppelt so lange wie kalkuliert.

Gate 3. Die Preise für ältere Anlagen steigen, die Pilotkunden bleiben. Entscheidung: Go für weitere Hausverwaltungen in der Region.

Kein einziges der drei Tore hat länger als eine Stunde gedauert. Aber jedes hat eine Entscheidung erzwungen, die sonst niemand getroffen hätte.

Zweites Beispiel: Ein Onlinekurs beim Beratungsunternehmen

Ebenfalls ein Szenario: Eine Beratung mit acht Mitarbeitern will ihr Seminarwissen als Onlinekurs verkaufen. Ohne Gates heißt das meist: drei Monate Videos drehen und dann feststellen, dass kaum jemand kauft. Mit Gates verkauft die Beratung den Kurs in Stufe A, bevor er existiert — Beschreibung, Starttermin, Frühbucherpreis. An Gate 2 zählt nur, wie viele Teilnehmer bezahlt haben. Liegt die Zahl unter der vorher festgelegten Schwelle, gibt es Kill oder Recycle. Sonst wird produziert, Lektion für Lektion, während die ersten Teilnehmer schon lernen.

Stage-Gate-Prozess, Projektmanagement, Wasserfall und agil: die Abgrenzung

Der Stage-Gate-Prozess wird oft mit Projektmanagement verwechselt. Er ist aber etwas anderes: Er entscheidet, ob ein Innovationsprojekt weiterläuft. Das Projektmanagement regelt, wie die Arbeit innerhalb einer Stufe erledigt wird.

Stage-Gate-Prozess

  • Kernfrage: Ist das Projekt den nächsten Euro wert?
  • Entscheider: Gatekeeper aus Führung und Fachbereichen
  • Ergebnis: Go, Kill, Hold oder Recycle

Klassisches Projektmanagement

  • Kernfrage: Wie liefern wir das beschlossene Ziel in Zeit und Budget?
  • Entscheider: Projektleiter im Rahmen seines Auftrags
  • Ergebnis: Stand der Arbeit, nächste Aufgaben

Wie du Projekte neben dem Tagesgeschäft steuerst, liest du im Artikel zum Projektmanagement. Innerhalb einer Stufe kannst du jede Methode nutzen, die zu deinem Vorhaben passt.

Beim Wasserfallmodell sieht der Stage-Gate-Prozess auf den ersten Blick ähnlich aus: Phasen, die nacheinander ablaufen. Der Unterschied ist die Frage am Übergang. Beim Wasserfall prüfst du, ob die Phase fertig ist. Beim Stage-Gate prüfst du, ob sich das Weitermachen noch lohnt — und stoppst das Projekt, wenn nicht.

Und agiles Projektmanagement ist kein Gegner der Gates. Cooper hat in den neueren Fassungen seines Modells ausdrücklich kurze Bau-und-Test-Zyklen und Sprints innerhalb der Stufen eingebaut. Das Team arbeitet in der Stufe agil, die Tore bleiben als feste Entscheidungspunkte. Das ist für die meisten Betriebe die beste Kombination: Beweglichkeit in der Arbeit, Klarheit bei den Investitionen.

Vorteile und Nachteile des Stage-Gate-Prozesses

Schau dir beide Seiten an, bevor du den Stage-Gate-Prozess einführst.

Vorteile

  • Schwache Projekte sterben früh und billig statt spät und teuer.
  • Geld und Arbeitszeit fließen dorthin, wo die Chancen am größten sind.
  • Jeder im Team weiß, was er bis wann liefern muss.
  • Vertrieb und Umsetzung sitzen von Anfang an mit am Tisch, nicht erst bei der Einführung.
  • Du als Unternehmer bist vor deiner eigenen Begeisterung geschützt.

Nachteile

  • Zu viele Tore und zu dicke Unterlagen machen das Verfahren langsam.
  • Tore, an denen nie jemand „Nein" sagt, sind reine Bürokratie.
  • Starre Kriterien können radikal neue Ideen zu früh aussortieren, weil sich deren Markt noch nicht messen lässt.
  • Das Modell kostet Führungszeit: Die Gatekeeper müssen vorbereitet in die Sitzung kommen.

Die Nachteile beherrschst du mit wenigen Toren, schlanken Unterlagen und festen Terminen. Für radikale Ideen setzt du an den ersten Toren weichere Kriterien an — „Haben wir mit fünf Kunden gesprochen?" statt „Wie hoch ist der Umsatz im dritten Jahr?". Welche Arten von Innovation es gibt und warum sie unterschiedlich behandelt werden sollten, zeige ich im Artikel zum Innovationsmanagement.

Die häufigsten Fehler beim Stage-Gate-Prozess

  • Das Tor als Präsentationstermin. Das Team zeigt schöne Folien, alle nicken, niemand entscheidet. Jedes Tor endet mit einer der vier Entscheidungen. Ohne Ausnahme.
  • Der Chef als einziger Gatekeeper. Wer über seine eigene Idee entscheidet, entscheidet selten gegen sie.
  • Entwicklung vor dem Verkaufstest. Der teuerste Fehler überhaupt. Erst verkaufen, dann bauen.
  • Keine festen Termine. Ein Tor ohne Datum findet nie statt. Das Projekt läuft einfach weiter.
  • Go ohne Ressourcen. Ein Ja ohne Zeit und Budget ist ein Nein mit Verzögerung.
  • Angst vor dem Kill. Gestoppte Projekte sind kein Scheitern, sondern gesparte Zeit. Feier das Stoppen eines schwachen Projekts genauso wie den Start eines starken.
  • Zu viele Projekte gleichzeitig. Setz eine Obergrenze für laufende Innovationsprojekte, sonst verteilst du deine Leute auf zu viele Baustellen.

So führst du den Stage-Gate-Prozess in 30 Tagen ein

Du brauchst keine Software. Du brauchst vier Wochen und Disziplin.

  1. Woche 1: Bestandsaufnahme. Jedes laufende Innovationsvorhaben auf ein Blatt: Ziel, bisheriger Aufwand, Verantwortlicher.
  2. Woche 2: Kriterien festlegen. K.-o.-Kriterien, fünf bis acht Punktekriterien, feste Besetzung der Tore.
  3. Woche 3: Alle laufenden Projekte an ein Tor. Rechne damit, dass mindestens eines ein Kill bekommt. Da macht sich die Methode zum ersten Mal bezahlt.
  4. Woche 4: Termine setzen. Jedes Go bekommt Budget, Verantwortlichen und den nächsten Tor-Termin. Neue Ideen laufen nur noch über Gate 1.

Leg die Tore auf einen festen Rhythmus, etwa einen Nachmittag im Monat. So bewertest du die Projekte im direkten Vergleich statt einzeln.

Häufige Fragen zum Stage-Gate-Prozess

Was ist der Stage-Gate-Prozess einfach erklärt?

Der Stage-Gate-Prozess teilt ein Innovationsprojekt in Arbeitsabschnitte und setzt vor jeden Abschnitt einen Entscheidungspunkt. An diesen Toren entscheidest du nach festen Kriterien, ob das Projekt weiterläuft, gestoppt, geparkt oder nachgearbeitet wird. So setzt du mehr Geld erst ein, wenn du mehr über Kunden, Kosten und Machbarkeit weißt.

Wer hat den Stage-Gate-Prozess entwickelt?

Das Modell stammt von dem kanadischen Innovationsforscher Robert G. Cooper. Der Begriff Stage-Gate erschien nach seiner Angabe erstmals 1988 gedruckt. Cooper hat das Modell seitdem mehrfach weiterentwickelt und in neueren Fassungen auch agile Arbeitsweisen innerhalb der Stufen aufgenommen.

Wie viele Phasen hat der Stage-Gate-Prozess?

Das klassische Modell hat eine Entdeckungsphase und fünf Stufen: Konzept, Business Case, Entwicklung, Test und Validierung sowie Markteinführung. Vor jeder Stufe steht ein Tor. Für kleinere Betriebe und kleinere Projekte reichen oft drei Tore, weil Cooper selbst vorsieht, das Modell an Größe und Risiko anzupassen.

Was bedeutet Go/Kill im Stage-Gate-Prozess?

Go und Kill sind die beiden wichtigsten Entscheidungen an einem Tor. Go heißt: Das Projekt bekommt Budget und Personal für die nächste Stufe. Kill heißt: Das Projekt wird beendet. Daneben gibt es Hold (zurückstellen) und Recycle (in derselben Stufe nacharbeiten).

Passt der Stage-Gate-Prozess zu agilem Arbeiten?

Ja. Innerhalb einer Stufe kann dein Team in kurzen Zyklen arbeiten, testen und nachbessern. Die Tore bleiben als feste Entscheidungspunkte über Budget und Fortführung. Diese Kombination nutzt Cooper in den neueren Fassungen seines Modells selbst.

Fazit: Das Tor ist dein Schutz vor teuren Lieblingsprojekten

Der Stage-Gate-Prozess ist kein Konzernwerkzeug. Er ist ein einfacher Vertrag mit dir selbst: Kein neues Projekt bekommt mehr Geld, bevor es bewiesen hat, dass es den nächsten Schritt wert ist. Stufen, in denen gearbeitet wird. Tore, an denen entschieden wird. Und der Mut, an einem Tor auch Nein zu sagen.

Für deinen Betrieb reichen drei Tore. Das wichtigste davon ist das zweite — das Tor, an dem ein echter Kunde bezahlt oder verbindlich zusagt, bevor du in die Entwicklung gehst. Wer das durchhält, verbrennt kein Geld mehr in Zombie-Projekten und bringt die Ideen auf den Markt, die wirklich verkauft werden.

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Und dann: Schreib heute alle laufenden Ideen und Projekte auf ein Blatt. Setz für jedes einen Tor-Termin. Und entscheide.